Digitaler Orgelklang…

  • admin
  • Juli 1, 2021
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„Eine Pfeifenorgel ist einfach nicht zu ersetzen!“ – Als Kirchenmusiker steckt natürlich viel Wahrheit hinter diesem Satz. Zum einen ist jedes Instrument ein Unikat. In der Verbindung zwischen Raum, Technik und Mechanik sowie der Haptik beim Spielen klingt jedes Instrument ganz eigen und individuell und entwickelt im musikalischen Sinne einen eigenen Charakter, den die Zuhörer nicht nur hören sondern oft auch fühlen können.

Leider ist diese authentische Empfindung aber auch nicht ganz günstig. Eine mittelgroße Orgel mit durchschnittlich vielen Klangmöglichkeiten liegt schnell bei Kosten von einer halben Million Euro aufwärts. Das kann sich nicht jede Kirche und auch nicht jede Privatperson leisten. Nicht nur, aber auch aus diesem Grund ist die Entwicklung von Digitalorgeln in den letzten 30 Jahren ein sehr spannendes Feld gewesen. Die Anfänge dieser technischen Versuche klangen tatsächlich noch sehr nach Konserve. Ich selbst habe auf solchen Konserven nur zu oft spielen müssen…

Doch die letzten 20 Jahre haben eine extreme Veränderung bei digitalen Orgeln bewirkt. Denn einige Hersteller haben angefangen, originale Orgeln Ton für Ton aufzunehmen. Mit dieser so genannten Sampling-Technologie (reale Tonbeispiele) wurde dann der Klang in Digitalorgeln einfach wie bei einer Aufnahme wiedergegeben, wie er bei dem Originalinstrument geklungen hat. Zumindest in der Theorie. Zu Beginn war der Unterschied noch sehr deutlich, doch mit der Entwicklung von passenden Lautsprechersystemen und professionellen Beschallungen konnte dieses Delta immer weiter minimiert werden. Selbst der Tastenanschlag, das Klicken eines Registerwechsels oder die Luftströme wurden aufgenommen und genutzt. Die aktuelle Orgel in St. Dionysius nutzt diese Sampling-Technik.

Dennoch sind dem Klang Grenzen gesetzt. Bei einer Pfeifenorgel beeinflussen sich einzelne Register gegenseitig und verändern ihren Einzelklang, wenn sie mit weiteren Registern zusammen gespielt werden. Ein Plenum (ein voller Klang mehrerer Register) ist dann eben nicht die Addition aller Einzelstimmen, sondern etwas Komplexeres. Das ist bei einem Sampling nicht abzubilden.

Aus diesem Grund fing vor gut 15 Jahren die Forschung seriös an, den Klang einer Orgelpfeife rein digital im Computer zu „berechnen“, mit allen Parametern, die Einfluss auf das Klangbild nehmen können. Dieses „physische Modellieren“ (physical Modelling – Physis) am Computer erreichte nach einiger Zeit genau die Individualität eines echten Instrumentes, da kleinste Nuancen verändert werden konnten. Auch beim Zusammenspielen mehrerer Register konnten nun die Abhängigkeiten, z.B. der Frequenzen, Schwebungen, Luftströme etc genau berechnet und in einem quasi „authentischen“ Orgelklang ausgegeben werden. In diesen letzten 15 Jahren hat sich Physis nun perfektioniert und es zeigt sich die klare Überlegenheit gegenüber dem Sampling von Orgeln. Eine Silbermann-Orgel aus Dresden lässt sich damit ziemlich exakt am Computer errechnen wie eine norddeutsche Arp Schnittger Orgel oder eine französische Cavaille-Coll – und das in all ihren Klangschattierungen.

Genau diese Physis-Technologie ist die Grundlage der geplanten neuen Orgel in St. Dionysius.

Der Klang der Orgel ist indes nicht nur vom Computer abhängig. Mindestens so wichtig sind hochwertige Lautsprecher, Subwoofer und Verstärker, die einen Raum optimal aussteuern müssen. Dabei sind Frequenzen von 20 Hertz bis über 22.000 Hertz so abzubilden, dass alle Zwischenstufen gleichwertig klingen und keine „Klanglücken“ entstehen. Dadurch klingt eine Orgel manchmal zu „scharf“ und obertönig bzw. metallisch oder zu „dumpf“ und undefiniert. Auch diese Klangverteilung zwischen Spieltisch und Lautsprechern hat sich in den letzten 15 Jahren erheblich gesteigert und schafft einen voluminösen, ausgewogenen aber nicht lauteren Klang. Die dynamische Nutzung aller Boxen, abhängig von den gespielten Registern, vollendet das „authentische“ Klangerlebnis und lässt eine Digitalorgel wie eine reale Pfeifenorgel klingen.

Eine haptische und visuelle Pfeifenorgel ist dadurch immer noch nicht zu ersetzen. Aber die klangliche Vielfalt bei massivst günstigeren Kosten, ohne wirkliche Qualitätsabstriche in der Tonalität wird allemal erreicht. Eine wunderbare Alternative also für professionelle Orgelmusik, umfassende liturgische Begleitung und Freude-schaffendes Orgelspiel!

 

Stephan Paxmann, Juli 2021

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